Zeitschriften-Ästhetik

Ich finde es ja immer erstaunlich, wie modern manch alte Zeitschrift wirkt (und wie alt manch neues Produkt…). Hier mal ein Beispiel:
Zeitschrift Europa arbeitet in Deutschland
Na? Von wann ist das Blatt?
Gesehen habe ich es in der tollen Ausstellung „Projekt Migration„, die noch bis zum 15.1.2006 in Köln läuft. An fünf Orten werden die von Migrationsbewegungen ausgelösten gesellschaftlichen Veränderungen untersucht, gezeigt, verarbeitet. Am besten ein paar Tage Zeit dafür nehmen, sonst ist man schnell erschlagen von den vielfältigen Ansätzen.
Die umfangreiche, rd. 5 Kilo schwere Publikation zum „Projekt Migration“ wurde übrigens gerade von der Stiftung Buchkunst als eines der schönsten Bücher des Jahres 2005 ausgezeichnet. Und schon für den Erwerb des Wälzers lohnt sich der Gang in die Ausstellung: Dort kostet er 48 €, im Buchhandel 98€.
Und jetzt noch die Auflösung: Es handelt sich um eine NS-Propagandaschrift des „Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz“ Fritz Sauckel aus dem Jahr 1943. Der für die Deportation von rund fünf Millionen ZwangsarbeiterInnen und Kriegsgefangenen verantwortliche wurde 1946 als Hauptkriegsverbrecher und „größter und grausamster Sklavenhalter seit der Geschichte der Pharaonen“ hingerichtet.

Gönn's Dir selbst

Interessant, wenn sich der Gebrauch von Redewendungen leicht verschiebt:

Noch ein paar Stunden, dann verabschieden wir uns kollektiv in den wohlverdienten Weihnachtsurlaub.

Da sage noch eine was von Stagnation und fehlender Initiative in diesem unseren Land! Nicht nur das GMX-Team, auch der eine oder andere unserer Kunden hat nicht darauf gewartet, daß irgend jemand sich mal herab läßt und sie zum wohlverdienten Weihnachtsurlaub beglückwünscht. Nein, die eigene Leistung bestätigt man sich nun selbst – „das hab‘ ich mir verdient!“

Fremde Worte – schwere Worte

Schönheiten des Phrasendreschens, gehört in der Bundesliga-Konferenz:

„Chapeau clac für diese Mannschaft!“

Fieserweise ließ die Regie den Mann im verbalen Dunkel, denn berauscht von diesem schönen Sprachbild legte er nach:

„Und ich sage es noch mal: Chapeau clac für diese Mannschaft!“

Ja, da kann man nur sagen: „Batsch:kapp“

Heute abend (12.12.2005 von 22.30 – 23.15 Uhr – Wdh. am Mittwoch, den 14.12., um 10.00 Uhr) gibt es den Nachschlag:

Milliarden-Monopoly II – …das Spiel geht weiter
Ein Film von Ingolf Gritschneder und Georg Wellmann Redaktion: Gert Monheim

„die story: Milliarden-Monopoly“ hatte im Sommer dieses Jahres die anrüchigen Geschäfte des Oppenheim-Esch-Fonds mit der Stadt Köln beim Bau der Kölner Messehallen aufgedeckt und einigen Wirbel verurschacht, bis hin zu noch andauernden Ermittlungen der Staatsanwaltschaft. Neue Recherchen haben noch mehr Sumpfland zum Vorschein gebracht. Ansehen!

"Bild ist nicht Pop, sondern Gosse."

Nie würde es mir einfallen, „Drecksblatt“ zur B**D sagen. „Drecksblatt“ wäre ja justiziabel. Auch andere Fäkalausdrücke wären vermutlich ein gefundenes Fressen für das potente Justiziariat. Also: Keine Fäkalausdrücke, kein „Drecksblatt“ zur B**D gesagt.
Stattdessen verweise ich lieber auf Gerhard Henschels Aufsatz „»Von Tag zu Tag wird’s schmutziger« – »B**d« als Kulturproblem“ im Merkur der auch in der taz abgedruckt wurde. Zitat:

Daß zwölf Millionen Schwachköpfe wissen möchten, wer nun wem »am drallen Allerwertesten« gefummelt habe, und daß es ein ehrloses Klatschblatt gibt, das solchen Wissensdurst stillt und die Ehekräche primitiver Schlagerfuzzis bekochlöffelt – damit könnte man leben. Aber daß eine Kulturnation bis hinauf in die höchsten Spitzen der Regierung, der Wirtschaft und der Erbverwalter Goethes mit diesem Zentralorgan der Unterhosenspionage paktiert, ist ein Skandal. In Bild gurgelt der Gully obszön vor sich hin. Wer in dieses Abflußrohr hinabsteigt, der hat seinen Geist aufgegeben. Wer Bild als Kolumnist oder als Interviewpartner dient, der ist ethisch gerichtet und hat seinen intellektuellen und moralischen Bankrott erklärt. Und wer, wie Gerhard Schröder es getan hat, einen ausländischen Staatsgast zum gemeinsamen Bild-Interview willkommen heißt, der sollte sich die Frage vorlegen, ob es nicht anständiger gewesen wäre, den Gast in einem gutgeführten Bordell zu begrüßen als in Kai Diekmanns dreckiger Sexualnachrichtenkaschemme.

Und soviele Kraftausdrücke, die ich nicht zu Kai Dieckmann sagen würde, fallen mir gar nicht ein. Man hat ja auch noch eine Erziehung, gell.

Brückner liest Leopold Schefers "Der Waldbrand"

Seit ich Arno Schmidts Funkdialog über Leopold Schefer gehört habe, in dem auch ein Ausschnitt aus der „Der Waldbrand“ vorgelesen wurde, habe ich Schefers Schilderung dieses Brands nicht vergessen. Sehr beängstigend, beinah apokalyptisch. Um was es sonst in der Erzählung geht und ob es so apokalyptisch bleibt, kann ab heute bis nächsten Montag immer werktags von 15.05 – 15.30h auf SR2 nachgehört werden (auch als Webstream).

Schön, sehr schön

Ich hatte ja kürzlich über Endo Anacondas „Sofareisen“ geschwärmt. Gute Kolumnen. So, wie mir auch Goldt, Buschheuer, Droste oder Praschl gefallen.
Aber dann Thomas Rosenlöchers „Die Wiederentdeckung des Gehens beim Wandern. Harzreise.“ gelesen, das schon lange im Regal neben dem Bett stand. In einem langen Zug. Und den Mehr/Nährwert des poetischen Stils genossen. Wie auch Czechowskis Reisetexte.
Und nun kritzel ich mal an einem Eintrag zu Rosenlöcher. Das wird aber wohl noch dauern.

Woody wird 70.

Auch wenn Woody Allen Ehrenmitglied im G.w.s.d. Deutschland ist: Sendungen über ihn aus diesem Anlaß empfehle ich gern 🙂
Heute auf hr2 in „Der Tag“ von 18:05 – 19.00 Uhr: Die Sendung kann man auch als Podcast beziehen!

Mach´s noch einmal, Woody! – eine Hommage zum 70.
Sex, Juden und Mutti – waren in Deutschland eigentlich humoristische Tabuthemen – bis Woody Allen kam und unseren verklemmten Lachmuskeln auf die Sprünge half. Das ist jetzt auch schon mehr als 30 Jahr her – und wie sieht’s aus? Können wir immer noch über unsere Problemzonen lachen? DER TAG fordert heute zum 70. Geburtstag des Großstadtneurotikers: Mach’s noch einmal, Woody!

Woodys WeltUnd morgen abend (2.12.05) im WDR-Fernsehen von 23.30-00.15h: Woodys Welt. Ein schön gemachter FilmBei dem Film habe ich Recherchen und Ton gemacht…, der die Originalschauplätze der Filme des New Yorker Regisseurs, seine Lieblingsrestaurants, Comedy- und Jazz-Clubs aufsucht und sie mit der Filmwirklichkeit vergleicht. Film und Wirklichkeit liegen oft nur um Haaresbreite auseinander.